Die Kunst und die Digitale Revolution

Erstmals veröffentlich auf http://evoid.de.

Anlässlich der ACTA-Großdemonstrationen im Februar publizierte der regional bekannte Kabarettist Wendelin Haverkamp eine Satire in einer lokalen Zeitung, in der er mit der Netzgemeinde hart ins Gericht geht — wobei es schwer fällt, einen bestimmten, signifikanten Satz als Zitat herauszupicken, der den Gesamteindruck korrekt widerspiegeln würde. Aus gegebenem Anlass also vereinbarte das Organisatorenteam der Aachener Demonstration vom 11. Februar, bestehend aus Piraten, Grüner Jugend, der Grünen Partei, Jusos und vielen Parteilosen, ein Gespräch mit Herrn Haverkamp, welches nun am vergangenen Mittwoch stattgefunden hat. Soviel vorweg: Es war sehr aufschlussreich, mit einem Kulturschaffenden, der die Gegenposition vertritt, am runden Tisch miteinander zu sprechen. Dies hier ist weder ein Protokoll, noch eine mit dem Anspruch der Vollständigkeit ausgestattete Zusammenfassung des Gesprächs; es ist Resümee dessen, was ich für mich persönlich mitgenommen habe.

Haverkamp ist 64 Jahre alt, hat Philosophie in Aachen studiert. Direkt zu Beginn, noch während der Vorstellungsrunde, bemängelte er, dass heute — im Zeitalter von Creditpoints — an der Hochschule sich praktisch keine Gelegenheit mehr bietet, über den Tellerrand hinaus zu blicken, sich in fach-fremde Vorlesungen zu setzen. Damit war wohl die erste Brücke geschlagen.

Während er seine Position ruhig und schlüssig darlegte, sprach Haverkamp häufig von einer „Entwirklichung“1. So sieht er die Ursache dieser Entwirklichung in der fortschreitenden Digitalisierung, die er — betont satirisch — als „Verpestung der Welt“ bezeichnet. Ihre Folge hingegen ist ein sich im digitalen Zeitalter wandelndes Selbstverständnis des Menschen. Die gesamte Urheberrechtsdebatte ist aus seiner Sicht wiederum ein Resultat dieser Wandlung, die still, rasch und vor allem völlig unreflektiert verläuft. Den breiten Medien attestierte er ein Totalversagen in dieser Hinsicht: Der zweite Brückenschlag war getan.

Vor diesem Hintergrund konstruierte er seinen Hauptkritikpunkt: Dass es den „Netizens“, also den Kindern der Digitalen Revolution, den netz-affinen Durchschnittsmenschen von heute, völlig an einem Bewusstsein für den Wert eines Werkes mangele. Dass er deswegen auch Verständnis für einen Sven Regener hege, der meint, dass man ihm „ins Gesicht pinkelt“. In der Konsequenz seiner Bewusstseinskritik stellte Haverkamp ein ums andere Mal fest, dass es „nicht nur um die Künstler,“ sondern „auch um die Kunst selber“ geht.

An diesem Punkt stellte sich bei all dem Gerede von Bewusstsein, Revolutionen und Reflektion die zwangsläufige Frage: Wie kann es sein, dass die Kunst, die sich einst der Reflektion der Industrialisierung annahm und so den Zeitgeist (ein Begriff, den Haverkamp gerne meidet) maßgeblich mitprägte, sich einer Auseinandersetzung mit der Digitalen Revolution, augenscheinlich einer existentiellen Bedrohung für sich selbst, völlig verweigert? Wäre dies nicht eine naheliegende Gelegenheit — ganz im Sinne des Brecht’schen Theaters, des Marx’schen „Sein bestimmt Bewusstsein“ Gedankenmusters — zur Schaffung eines Bewusstseins beizutragen? Eine Antwort wusste Havarkamp nicht. Die Ansicht aber, dass die Kunst selber — um die es schließlich ja auch geht — sich einer Auseinandersetzung mit der Urheberrechtsfrage verweigert, wollte er nicht ganz vom Tisch weisen.

Bemerkenswert ist auch die Sichtweise auf die Digitalisierung als einen „Multiplikator des Mainstreams“ — denn was sonst wären schon Facebook, Twitter & Co.? Eine beschleunigende, entwirklichende Auswirkung hätte die „Verpestung der Welt“ aber auch auf Instanzen der analogen Welt: Die Börse beispielsweise, die unter den Randbedingungen der sekundenschnellen, unbesteuerten Transaktionen ihrer eigentlich angedachten Aufgabe nicht mehr nachkommen kann.

Es wäre schön, wenn in dieser ziemlich vergifteten Debatte die beiden kontrahenten Seiten sich öfter so begegnen würden.

Bemerkungen:

1) Dem Ein oder Anderen wird Virtualisierung wohl ein Begriff sein. Damit ist gemeint, dass die Welt von heute immer mehr von virtuellen Größen geprägt ist, wie etwa dem des Geldes: Ein Geldschein per se stellt keinen Wert dar. Er bezieht ihn erst in dem Moment, wo er gegen etwas eingetauscht wird. Ein Börsenmakler hat keine Ahnung von den Konsequenzen eines Verkaufs für Hunderte oder Tausende Arbeitnehmer. Virtualisierung per se ist erstmal weder gut noch schlecht. Ich denke, dass Haverkamp den Begriff der Entwirklichung ähnlich meint.